Zwischen Falllaub und vertrockneten Stängeln aus dem Vorjahr, schieben sich die ersten zarten Spitzen der Frühblüher ans Licht. Je nach Region, strahlen die Schneeglöckchen und Krokusse bereits sogar in voller Pracht! Nach dem langen, kühlen und teils sehr schneereichen Winter mit vielen Dauerfrosttagen sind die wärmende Sonnenstrahlen eine wahre Wohltat. Kein Wunder, dass es dem einen oder anderen nun in den Fingern juckt, endlich das „olle Gestrüpp“ der vertrockneten Pflanzenstängel und das Laub von den Beeten und den Töpfen abzuräumen. Doch halt! Genau jetzt, beginnt die sensible Phase im Insektenreich.
Überwinterungsstrategien der Insektenarten
Die unterschiedlichen Insektenarten überwintern ganz vielfältig. Bereits bei den Tag- und Nachtfalterarten gibt es ganz individuelle Strategien. Die meisten überwintern als Raupe oder Puppe an ihrer Nahrungspflanze oder am Boden. Einige als entwickelte Raupen in ihrem Ei, wie der Brombeer-Perlmuttfalter (Brenthis daphne). Auch das Ei bleibt dabei an der Nahrungspflanze. Andere wenige Schmetterlingsarten verbringen den Winter als erwachsene Falter an einem trockenen und kühlen Unterschlupf, wie das Tagpfauenauge (Aglais io). Weitere Insektenordnungen, wie Käfer, Zweiflügler und Wanzen, verbringen den Winter in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien in Mauerspalten, im Boden, in Pflanzenstängeln oder unter Laub. Dazu zählen unter anderem Marienkäfer und Florfliegen. Also die kleinen Blattlausvertilger, die im Frühling und Sommer die Pflanzen vor den Saftsaugern schützen. Das Laub, das uns nun so unordentlich und vertrocknet erscheint, ist für viele Insekten nach wie vor ein überlebenswichtiger Entwicklungs- und Rückzugsort! In den Nächten wird es noch empfindlich kalt. Teilweise sinken die Temperaturen unter 5 °C oder sogar in den Frostbereich. Zudem ist das Falllaub ein natürlicher Nährstofflieferant: Regenwürmer und Mikroorganismen verwandeln es nach und nach in wertvollen Humus.
Frühblüher und Stauden
Die Frühblüher stört das übrigens überhaupt nicht. Sie schieben ihre Triebe einfach durch das Laub hindurch oder schieben es beiseite. Der Boden bleibt geschützt, Feuchtigkeit wird gehalten – und die Tierwelt profitiert. Für Stauden bietet das Laub ebenfalls einen Schutz vor der Witterung. Und das Stehenlassen der Stängel von Wildstauden, stellt für gewöhnlich auch kein Problem dar! Ganz im Gegenteil, die Stauden ziehen sich in die unterirdischen Pflanzenteile zurück. Das, was oberirdisch gewachsen war, ist ohnehin vertrocknet oder abgefroren. Doch in den Stängeln ist das pure Leben! Wildbienen bauen in markhaltigen Stängeln ihre Nistkammern. In ihnen befindet sich der Nachwuchs. An den trockenen Halmen sitzen die Puppen der Schmetterlinge, wie die des Aurorafalters (Anthocharis cardamines) gut getarnt. Auch Käferlarven entwickeln sich in markhaltigen Stängeln. Marienkäfer und Ohrenkneifer finden einen Rückzugsort.
Gelassenheit fördert Vielfalt
Räumen wir nun schon alles alte Laub und die vertrockneten Stängel ab, so haben die Insektenarten keine Unterschlupfmöglichkeiten. Zudem haben sich noch nicht alle Insekten fertig entwickelt oder sind noch nicht geschlüpft. Aber wann eigentlich Stauden zurückschneiden? Als Faustregel gilt: Wenn die Nachtfrostgefahr gebannt ist! Und das ist je nach Region meist Mitte bis Ende April.
Also viele gute Gründe genug, die Gelassenheit besonders jetzt zu feiern, und mit beobachten und nichts tun, die Vielfalt zu fördern!
