Zwei Raupen – Zwei Winterstrategien

Unsere heimischen Tag- und Nachtfalter und ihre Raupen haben ganz unterschiedliche Strategien, den Winter im mitteleuropäischen Klima zu überstehen. Zum Beispiel überwintert der Zitronenfalter als erwachsener Tagfalter an Ästen in Bäumen oder im Laub auf dem Boden und hält hier Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt stand. Er ist allerdings der einzige Schmetterling in unseren Breitengraden, der diese tiefen Temperaturen überstehen kann. Doch wie überwintern die anderen?

Im Mittelpunkt stehen diesmal das Tagpfauenauge (Aglais io) und der Kleine Kohlweißling (Pieris rapae). Beide Tagfalterarten und ihre Raupen haben ganz unterschiedliche Strategien den Winter zu überdauern bis zu den ersten warmen Sonnenstrahlen im darauf folgenden Frühling. Die Raupe des Tagpfauenauges macht sich als meist zweite geschlüpfte Generation des Jahres im September und Oktober auf den Weg zu einem geeigneten Platz, an dem sie sich verpuppen kann. Sie ist schwarz mit weißen Punkten, hat Dornen und kleine, orange-gelbe Füßchen.

Raupe Tagpfauenauge
Die Raupe des Tagpfauenauges ist schwarz mit weißen Punkten und gelb-orangenen Füßchen © Franziska Becker

Ist die kleine Raupe an ihrer Pflanze der Wahl angekommen, spinnt sie sich einen Haltepunkt an den Pflanzenstängel, an dem sie sich mit ihrem Hinterteil befestigt. Sie streift ihre Raupenhaut ab und verpuppt sich in einer anfänglich grünlichen Puppe. Da sie verpuppt kopfüber hängt, werden diese Formen der Schmetterlingspuppen als Stürzpuppen bezeichnet.

Puppe Tagpfauenauge
Das Tagpfauenauge entwickelt sich in einer sogenannte Stürzpuppe © Franziska Becker

Sie schlüpft noch im Herbst des selben Jahres. Das erwachsene Tagpfauenauge überdauert somit den Winter als erwachsener Falter. Er sucht sich einen Platz zum Überwintern, an dem er vor strenger Kälte geschützt ist. In kühlen Kellerräumen und Gartenhäusern findet er Unterschlupf. Deshalb ist es wichtig, die Fenster im Frühjahr rechtzeitig wieder zu öffnen, damit die Tagfalter hinaus fliegen können.

Die Raupen des Kleinen Kohlweißlings

Raupe Kleiner Kohlweißling
Kleine Kohlweißlingsraupe auf der Kapuzinerkresse © Franziska Becker

Die Raupe des Kleinen Kohlweißlings ist grün mit gelben Längsstreifen. Im Herbst futtert sie sich an ihrer Futterpflanze, wie der Kapuzinerkresse, noch einmal so richtig satt. Sie ist die zweite oder dritte geschlüpfte Generation des Jahres. Ab Oktober sucht auch diese kleine Raupe eine geeignete Stelle, an der sie sich verpuppen kann. Doch im Gegensatz zum Tagpfauenauge, überwintert nicht der erwachsene Falter. Die Raupe hat sich mit einem mittig gespannten Faden an dem Untergrund befestigt, um sich hier zu verpuppen und so den Winter zu überdauern. Durch diese Art der Befestigung, wird die Puppe auch Gürtelpuppe genannt. Der erwachsene Kleine Kohlweißling schlüpft meist ab April.

GürtelpuppeKleinerKohlweißling
Der Kleine Kohlweißling überwintert in einer sogenannten Gürtelpuppe © Franziska Becker

Beide Strategien sind unterschiedlich. Und doch überdauern das Tagpfauenauge und der Kleine Kohlweißling so die Herbsttage und kalten Wintermonate, bis im Frühling die ersten warmen Sonnenstrahlen den Frühling begrüßen. Haben sie den Winter gut geschützt überstanden, flattern sie los und erfreuen uns mit ihren filigranen Flugkünsten.