Das Tagpfauenauge – Faszinierende Metamorphose

Es war recht warm an diesem Tag im September, als sich eine mittelgroße schwarze Raupe mit weißen Punkten auf den Weg machte, ein großer Schmetterling zu werden. Intuitiv und zielstrebig zugleich, steuerte sie die Pflanzen gegenüber der Großen Brennnesseln an, an denen sie geschlüpft war und sich satt gegessen hatte. Im Spätsommer legte hier ein erwachsenes Tagpfauenauge (Aglais io) seine Eier ab. Denn seine Raupen sind spezialisiert auf die Brennnessel und ernähren sich ausschließlich von dieser Pflanze. Ohne Brennnesseln können die Raupen nicht überleben und somit auch keine Tagpfauenaugen durch die Lüfte flattern.
Auch zeichnet diesen Tagfalter eine ganz besondere Überwinterungsstrategie aus. Doch bis es soweit ist, können wir seine faszinierende Metamorphose in der freien Natur beobachten.

Das Tagpfauenauge ist einer der wohl bekanntesten Tagfalter. Denn an den markanten Augen auf der Oberseite der Flügel und der rot-schwarzen Grundfärbung können wir ihn gut erkennen. Im Gegensatz zu den Raupen, ernährt sich der erwachsene Tagfalter von unterschiedlichen Blütenpflanzen und ihrem Nektar.
Kurz nach dem Schlüpfen sind die Raupen des Tagpfauenauges klein und hellgrün. Nachdem sie sich mehrfach gehäutet haben, sind sie schwarz mit Dornen und gelben Füßchen im hinteren Bereich.

Auf der Suche Tagpfauenauge
Die Tagfalter-Raupe auf der Suche nach einer geeigneten Stelle zum Verpuppen © Franziska Becker

Sie machen sich meterweit auf den Weg von ihrer Futterpflanze zu einem geeigneten Platz, an dem sie sich verpuppen können. Auch unsere kleine Raupe. Nachdem sie die Wiese durchquert hatte, krabbelte sie immer höher in die Pflanzen. Sie fand eine für sie sicher erscheinende Stelle, inmitten der gegenüber wachsenden Brennnesseln. Warum genau da, wurde erst später deutlich.

Fastverpupptes Tagpfauenauge
Die Raupe des Tagpfauenauges bereit zum Verpuppen © Franziska Becker

Sie befestigte sich mit ihrem Hinterleib und gesponnenen Fäden an dem Stängel der Brennnessel. Kopfüber hing sie nun da. Nach einigen Stunden häutete sie sich ein letztes mal. Übrig blieb die abgestreifte Raupenhaut, die auf einem Blatt der Kapuzinerkresse lag. Direkt darüber befand sich die Puppe.

RaupenHaut Tagpfauenauge
Die Haut der Raupe lässt sich meist direkt unter der Puppe finden © Franziska Becker

Von der Raupe zum erwachsenen Falter

Und sie wusste, was sie tat! Die Puppe war hellgrün mit dunklen Spitzen und damit perfekt getarnt. Es war kein leichtes, sie inmitten der Brennnesseln und den Samenständen der Brennnessel zu entdecken!

Frisch verpupptes Tagpfauenauge
Die frisch verpuppte Tagpfauenauge-Raupe im Gegenlicht © Franziska Becker

In dem Puppen-Stadium entwickelt sich normalerweise innerhalb von zwei bis vier Wochen der erwachsene Tagfalter. Verpuppt hat sich die Raupe Mitte September. Es folgten relativ kühle, sonnenscheinarme und regnerische Wochen – auch im Oktober. Für eine längere Zeit tat sich fast nichts. Aber auch nur fast!

Die Puppe hat sich deutlich verfärbt, das Tagpfauenauge steht kurz vor dem Schlüpfen © Franziska Becker

In den rund sechs Wochen verfärbte sich die Puppe nur unmerklich dunkelgrün, bekam mal goldene Spitzen und wurde dann wieder heller. Doch nun schillerte das Schwarz des Tagpfauenauges durch die Puppenhaut. Noch immer gut getarnt, denn die Brennnessel-Samen waren mittlerweile auch dunkel verfärbt. Der Schlupf stand kurz bevor!

Geschlüpftes Tagpfauenauge
Das frisch geschlüpfte Tagpfauenauge © Franziska Becker

Dann war es soweit: Das Tagpfauenauge schlüpfte an einem windigen und kühlen Nachmittag Anfang November. Zunächst mussten die gefalteten Flügel entfaltet und aufgepumpt werden. Hierfür machen sich Schmetterlinge die Schwerkraft zu Nutze. Auch der Rüssel wird immer wieder aus- und eingerollt. Denn nach dem Schlüpfen besteht dieser noch aus zwei Halbröhrchen. Nach wenigen Stunden sind die Flügel ausgehärtet und die Halbröhrchen zu einem Rüssel fest miteinander verbunden.
Doch er verharrte weitere zwei Tage an der Pflanze, an der er sich vepuppt hatte. Er krabbelte weiter nach oben, an eine Stelle, an die bereits morgens die Sonne schien. Am dritten Tag wärmte die Sonne die Luft und die Tagestemperatur lag das erste mal seit Tagen wieder über 10 °C. Gute Voraussetzungen also für ihn, um in die Welt zu starten! Und tatsächlich: Nachmittags war er nicht mehr da.

Drücken wir ihm die Daumen, dass er einen guten und sicheren Platz zum Überwintern gefunden hat und wir ihn und viele weitere Tagpfauenaugen spätestens im Frühling als eine der Ersten an den Blüten der Frühblüher und den Kätzchen der Weiden finden werden.